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Einführung

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Einführung

Musik ist auf der ganzen Welt allgegenwärtig. So unterschiedlich die Musikkulturen weltweit auch sind, eine Form findet sich überall: das Musizieren in einer größeren Gemeinschaft – in Orchestern. „Allein und mit anderen“ ist das große weltumspannende Prinzip. Die Menge der Einzelnen macht die Gruppe, die Gruppe kommt ohne den Einzelnen nicht zurecht. Die Gruppe – das Ensemble, die Band, das Consortium, das Orchester – ist auf den Einzelnen angewiesen. Orchester mit ihren Einzelmusikern sind ein Teil des ganzen „Weltorchesters“, die „Orchesterwelten“ setzen besondere Akzente, die der Einzelne nicht leisten kann. Sie stehen für musikalische und optische Größe. Die körperliche Präsenz geht einher mit einer großen Massierung von Musikerinnen und Musikern und mit einer Ansammlung von Gesichtern, Händen, Bewegungsabläufen im Zusammenhang mit einer Vielzahl von gleich gearteten, aber auch völlig unterschiedlichen Instrumenten. Das äußere Erscheinungsbild mit seiner Tendenz zur Uniformierung passt gut zu dem hohen Grad an musikalischer Disziplin mit der überall zu beobachtenden Ausprägung einer zentralen Leitung, mindestens Koordination, die Klangmasse zusammenzuhalten. Der immer wieder beschworene Reichtum differenzierter Klangfarben im Orchesterzusammenspiel geht wiederum auf den Einzelnen und seine musikalische Integrationsfähigkeit zurück.

„Orchestrum“ war in der Antike die Grundfläche des Amphitheaters, später das Areal vor der Bühne, im frühen 17. Jahrhundert der Platz, wo die Musiker sitzen, um Sänger und Tänzer zu begleiten. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts spielte sich die Bezeichnung der Instrumentalisten als „Orchester“ ein. Im westlichen, durchaus allgemeinen Sinne ist hiermit nun eine verhältnismäßig zahlreiche und nach Gruppen geordnete Vereinigung von Instrumentalisten und Instrumentalistinnen zu sehen, die mehr oder weniger institutionell und hierarisch gegliedert ist, in der zugleich einige Stimmen mehrfach besetzt sein können.
Gegenwärtig sind überall auf der Welt große Orchester und unzählige Ensembles musikalisch aktiv. Ständig ändern sich die Zusammensetzungen, neue Instrumente werden mit einbezogen. Auch die heutzutage fest gefügt scheinenden Orchesterformationen sind in den Jahrhunderten immer wieder großen Veränderungen unterworfen gewesen, die Entwicklungen sind auch in der Gegenwart nicht abgeschlossen, wie bei der Vielfalt der Südostasien beherrschenden „Gong-Orchester“ („Gamelan“) festzuhalten ist. Die teilweise sehr alten und auch heute noch gespielten Hoforchester Ostasiens sowie die tibetischen Klosterorchester sind, in eine gewisse Abgeschlossenheit zurückgedrängt, musikalische Konstanten und halten die musikalischen, auch kaiserlich-höfischen bzw. klösterlich-religiösen Traditionen wach, ohne sie zu verherrlichen.

Die meisten asiatischen Orchester haben enge Beziehungen zum Theater und Tanztheater. Sie sind in erster Linie Theater- oder Opern-Orchester. So verfügen auch die heute in China aktiven und lebendigen regionalen Musiktheaterformen über entsprechende Begleitorchester. „Gong-Orchester“ – Gamelan (Indonesien – Schwerpunkt Java und Bali, Malaysia), Hsaing Waing (Myanmar/Burma), Pi Phat (Thailand) – erfüllen zahlreiche Funktionen: Sie geben Konzerte, spielen bei rituellen Anlässen oder „höfischen“ Feierlichkeiten, sie begleiten verschiedene Formen von Tanz, Tanzdrama und Theater (Puppen-, Schatten- und Tanztheater). Die instrumentale Zusammensetzung variiert nach Regionen und Spielanlässen. Ein gewisser Standard hat sich herausgebildet, der auch bei den im Westen verbreiteten Gamelan-Orchestern festzuhalten ist.

Die Darstellung der westlichen Orchester-Szene hat die historischen Gegebenheiten bezüglich der Entwicklung des Orchesters zu berücksichtigen. Es werden nur solche Formationen berücksichtigt, die auch in der Gegenwart praktisch eingesetzt und bespielt werden, wobei es dann allerdings auch um die Frage der Aufführungspraxis „alter Musik“ geht. Spricht man bei den Instrumentalensembles der Renaissance-Zeit von regelrechten „Zufallsorchestern“ , so richtet sich das Barockensemble noch stark nach den Gegebenheiten, die der Komponist gerade vorfindet.

Die Bezeichnung „Orchester“ erhält erst Ende des 18. Jahrhunderts den Klang, den sie für uns im Sinne eines „Sinfonieorchesters“ heute noch hat. Es formiert sich eine typische Besetzung, die auf dem Streicherklang aufbaute. Im 19. und 20. Jahrhundert ist trotz der ständigen Erweiterung des Instrumentariums und wechselnder Sitzordnungen eine Tendenz zur Standardisierung festzuhalten. Dieses Standard-Sinfonie-Orchester wurde Vorbild und Muster für eine ganze Reihe von Orchesterformationen, die vor allem im 20. Jahrhundert entstanden, wobei die Funktion bereits in der Namensgebung enthalten ist: beispielhaft Rundfunkorchester, Film-Orchester, Café- und Salon-Orchester, Kurkapellen, Tanz- und Unterhaltungsorchester, Kammerorchester, darunter auch spezielle Orchesterformationen nach Kompositionsvorlagen.

Ein wichtiger Orchesterbereich sind Ensembles bzw. Orchester, die von einem Instrumententyp oder einer Instrumentengruppe bestimmt werden. Zuallererst ist das „klassische“ Streichorchester mit dem klassischen Streichquartett plus Kontrabass zu nennen. Des Weiteren sind zu erwähnen Blasorchester: Pfeifen-, Flöten- und Klarinetten-Orchester, Dudelsack-Orchester oder Cornemuse-Consorts, Posaunenchöre, nicht zu vergessen Horn-Orchester in Westafrika und Panflöten-Orchester auf den Salomonen/Ozeanien. Militär- und Fastnachtskapellen sind gleichfalls geprägt von Blasinstrumenten, beide sind jedoch nur denkbar und praktikabel mit Percussion und Felltrommeln unterschiedlicher Größenordnung. Percussion und vor allem Felltrommeln bilden wiederum die Grundlage für entsprechende Ensembles: Trommelensembles überall auf der Welt, beispielhaft in Afrika und Japan, Balafon-Orchester in Afrika, Angklung (Bambusrassel)-Orchester in Indonesien, Samba-Orchester und Steelband in Lateinamerika. Jazz-Orchester, Jazz-Bands und Bigbands als „Unterhaltungsorchester“ stellen eine kombinierte Orchesterformation dar, Blasinstrumente bilden Kern und Gerüst dieser lebendigen und improvisationsreichen Orchestermusik. Dann sind zahllose Tanzorchester oder „Frohsinn“-Orchester anzufügen: Mundharmonika-, Akkordeon-, Mandolinen-, Drehleier-Orchester; immer wieder wird ein Instrumententyp vervielfältigt und als Orchesterinstrument eingesetzt, wobei keine historischen, regionalen und ethnischen Grenzen gezogen werden.

„Ost“ und West sind auch in ihren „Orchesterwelten“ längst zusammengewachsen. Die ganze Welt als „Weltorchester“ hat dadurch noch an musikalischer Dynamik gewonnen. Es werden nicht allein westliche und östliche Instrumente zusammengebracht und in Orchestern in neuen Zusammenklängen ausprobiert und weiterentwickelt. Sondern es ist auch schon eine lange – zeitweilig sicherlich nicht unumstrittene – Tradition, westliche Orchester in alle Teile der Welt zu exportieren und nun, gleichsam im Gegenzug, östliche Orchester hier im Westen zu etablieren: Sinfonie-, Barock- und Kammerorchester, Harmonika-, Unterhaltungs- und Militärorchester in Amerika, Asien, Australien, Ozeanien und Afrika; Trommel-Ensembles und Samba-Orchester, Gamelan und Gagaku, Panflöten- und Angklung-Orchester in Europa und Amerika.

Die Orchester dieser Welt mit ihren Instrumenten, das Weltorchester, werden nicht nur zur Schau gestellt, sondern auch zum Erklingen gebracht. Dabei geben moderne Medien, aber vor allem ein abwechslungsreiches Konzert- und Workshopprogramm einen Einblick in die musikalische Ensemblepraxis. Zahlreiche Orchesterformationen sind zu Gast, erwecken die ausgestellten Instrumente „zum Leben“ und verschaffen praxisbezogene Einblicke in das Spiel von Gamelan, Steelpan, Balafon, Gagaku und vielen anderen. Auch die Bremer Philharmoniker bieten mit ihrer Musikwerkstatt im Museum die Möglichkeit, die Instrumente des Sinfonieorchesters auszuprobieren und den musikalischen Einklang zu versuchen. So wird es jedermann möglich – ob musikerfahren oder absoluter Anfänger – die Instrumente dieser Welt aus den verschiedensten Kulturen selber in die Hand zu nehmen und im Ensemble zu spielen. Eine musikalische Reise durch die Vielfalt der Orchesterwelten kann beginnen. [A.L./D.P.]