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Ritualorchester
Tibet, Zentralasien
In den von Kloster zu Kloster sehr unterschiedlichen buddhistischen Opferritualen in Tibet spielt die Vokal- und Instrumentalmusik eine zentrale, weitgehend magische Rolle: Sie ermöglicht Meditation und Wahrheitsfindung sowie die Ansprache der Gottheiten und die Darbringung der Opfergaben.
Im tibetischen Buddhismus gilt die Musik als eine von sieben Opfergaben für die Gottheiten. Die Macht vollkommener, als „schön“ bezeichneter Musik ist entscheidend. Vollkommen ist die Musik dann, wenn sie den anzusprechenden überirdischen Instanzen in Klangfarbe und Tempo angepasst ist: den friedlichen und den rasenden Gottheiten. Die Vorstellung des Schönen ist so sehr mit perfekter Musik als religiösem Opfer verbunden, dass selbst das Lesen notierter Musik durch bewundernde Ausrufe begleitet wird.
Perfekte, korrekte und schöne Musik vertreibt und vernichtet zugleich negative Kräfte und hat damit eine reinigende Wirkung, sie weckt Stimmungen von Heiterkeit und Vertrauen und schafft den Lebenden Gewissheit und Trost, sich für die Toten einzusetzen und die Verbindung zu ihnen nicht abreißen zu lassen.
In erster Linie bringt das Mönch- bzw. Nonnenorchester die Opfergabe Musik hervor. Nach einer zur Lehre gehörenden Musikausbildung stellen Mönche und Nonnen die Musiker. Die Zusammensetzung der Orchester variiert von Kloster zu Kloster. Das Kern-Instrumentarium ist jedoch festgelegt: neben den großen, bis zu vier Meter langen Metalltrompeten (dung-chen) die ebenfalls paarweise gespielten Kegeloboen (rgya-gling), kurze Knochen- oder Metalltrompeten (rkang-gling) und Schneckenhörner (dung-dkar) – Perkussionsinstrumente: große Doppelfelltrommel (rnga), kleine Sanduhrtrommel (damaru) sowie Handglocke (drilbu), großes Becken (rol-mo) und kleines Becken (ting sha).
Der Klostervorsteher (Abt oder Äbtissin) ist zugleich Zeremonienmeister, in dieser führenden Funktion hält und spielt er die heiligsten Instrumente: die Handglocke drilbu mit dem Griff des Diamantenzepters vajra in der linken Hand, die kleine Doppelfelltrommel damaru, Buddhas Trommel der Unsterblichkeit, in der rechten Hand, den am Band befestigten Klöppel zwischen den beiden Trommelfellen aus Ziegenhaut hin und her schleudernd. Der musikalische Leiter und zugleich Taktgeber des Orchesters ist der Mönch-Spieler des großen Beckens rol-mo. [A.L.]
Die Instrumente des Ritualorchesters:
- Große Metalltrompeten (dung-chen): Ihr tiefer, dumpfer und durchdringender Klang ist mit den inneren Geräuschen des Menschen identisch, die Schwingungen können mit jenen im Innern des Menschen übereinstimmen, in diesem Falle verweilt der Hörer in der Welt Buddhas.
- Kegeloboen (rgya-gling): Ihr durchdringender Klang lädt die Gottheiten zu den Zeremonien ein.
- Kleine Trompeten (rkang-gling): Der Klang dieser Trompete – aus Knochen oder Metall – wird zur Abschreckung und Vertreibung böser Geister eingesetzt, in den Ohren zornvoller Gottheiten ist der Klang angenehm.
- Schneckenhörner (dung dkar): Glückssymbol und Ruf zu Beginn einer Zeremonie, Klang für den Ruhm der Lehre Buddhas: wie der Klang des Schneckenhorns sollen sich der Ruhm und die Erleuchtung Buddhas in alle Richtungen ausbreiten.
- Große Doppelfelltrommel (rnga): Klang und Rhythmen zur Unterstützung der gesprochenen Mantren, zugleich der Ton der Vergänglichkeit. Der Griff der Trommel hat die Form des spitzen Diamantzepters vajra.
- Kleine Sanduhrtrommel (damaru): Sie ist Buddhas Trommel, ihr Klang ruft alle Buddhas, Bodhisattvas und Dakinis zu den Zeremonien, der entstehende Klang – durch rasches Vor- und Zurückdrehen trifft der an einem Band befestigte Klöppel abwechselnd auf beide Felle aus Ziegenhaut – lehrt die Vergänglichkeit.
- Handglocke (drilbu): Diamantzepter vajra (Symbol des großen Mitgefühls, der stärksten Kraft des Universums, und des männlichen Prinzips) und Glocke (Sinnbild der Vergänglichkeit und des weiblichen Prinzips) sind zusammen das Symbol, das den Pfad zur Erleuchtung verkündet: Weg und Ziel sind eins.
- Großes Becken (rol-mo): Die paarweise gespielten Becken, vertikal aufeinander zu bewegt, sind sowohl Taktgeber als auch zum Einladen und Wegschicken der Hungergeister eingesetzt.
- Kleines Becken (Zimbeln – ting sha): horizontal aneinander geschlagen, bewegt ihr heller Klang die Götter dazu, auf der Erde zu verweilen.

