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Sinfonieorchester

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Sinfonieorchester

Europa

Um 1750 entwickelte sich das Mannheimer Orchester unter Johann Stamitz zu dem, was heute als Sinfonieorchester bezeichnet wird und damals als aufregendster Klangkörper Europas gerühmt wurde. Stamitz und andere forderten neue, homophone „Symphonien“ für das Orchester und experimentierten mit neuen Klangvorstellungen und -kombinationen. Dies alles gipfelte schließlich in der beispiellosen technischen Vollendung der Sinfonien Haydns und Mozarts.

Diese Entwicklung war nur möglich durch den tief greifenden Wandel in der musikalischen Praxis und Theorie seit der Barockzeit. Funktionsharmonik und temperierte Stimmung etablierten sich, die Generalbaßnotation geriet ebenso ins Abseits wie das Cembalo. Stattdessen formierten sich Hörner und Trompeten als Harmoniestützen. Die Holzbläser setzten sich durch als doppelt besetztes Ensemble von Flöten, Oboen, Klarinetten und Fagotten. Vor allem der mehrstimmige chorische Streicherkorpus – 1. Violine, 2. Violine, Bratsche, Violoncello, Kontrabass – wurde zur Grundlage eines jeden Sinfonieorchesters bis ins 21. Jahrhundert.

Um die Instrumente den größeren Räumen anzupassen und ihnen neue Ausdrucksmöglichkeiten zu eröffnen, erfuhren sie bis zum ersten Viertel des 19. Jahrhunderts maßgebliche Veränderungen, zum Beispiel durch die Erhöhung und Wölbung des Steges sowie die Veränderung von Bassbalken und Hals bei den Streichinstrumenten. Der konkave Streichbogen entwickelte sich zur allgemeinen Norm, während die Klappensysteme bei Holzblas- sowie die Ventilmechanik bei Blechblasinstrumenten immer raffinierter wurden. Das führte zu wesentlichen Verbesserungen bei Intonation, Volumen und Sicherheit des Ansatzes. Seit ca. 1850 hat sich das Instrumentarium nur geringfügig verändert.

Allerdings wuchs das Orchestervolumen gewaltig an, während „neue“ Instrumente (zum Beispiel Saxophon) im 20. Jahrhundert keinen dauerhaften Eingang ins Sinfonieorchester fanden; lediglich die Abteilung Schlaginstrumente wurde ständig und nachhaltig ergänzt, durch asiatische, afrikanische und lateinamerikanische Idiophone/Klangerzeuger. Diese Erweiterung des Klangspektrums zu äußerster Differenzierung, Kraftentfaltung und Expressivität zielte dabei auf ein Ideal des universellen Mischklanges hin und der größtmöglichen Vielfalt kontrastierender oder ineinander fließender Klangfarben.

Als Gegenreaktion zu den riesenhaften Dimensionen entstand – aus kompositionstechnischen, ästhetischen, aber auch finanziellen Gründen – eine Tendenz zur kammermusikalischen Reduzierung des Orchesterapparates. In der Orchester-Musik der Gegenwart sind – wie am Anfang der Entwicklung – variable Besetzungen gebräuchlich. Im allgemeinen Konzertleben herrscht jedoch eine weitgehende Vereinheitlichung vor, bei der das klassisch-romantische Sinfonieorchester die führende Stellung einnimmt:

  • Streichinstrumente: 12 – 16 Erste Violinen, 10 – 14 Zweite Violinen, 8 – 12 Bratschen, 8 – 10 Violoncelli, 6 – 8 Kontrabässe.
  • Holzblasinstrumente: 1 Piccoloflöte, 3 große Flöten (Querflöten), 3 Oboen, 1 Englischhorn, 3 Klarinetten, 1 Bassklarinette, 3 Fagotte, 1 Kontrafagott.
  • Blechblasinstrumente: 8 Hörner, 4 Trompeten, 4 Posaunen, 1 Basstuba.
  • Schlaginstrumente: 4 Pauken, Große und Kleine Trommel, Becken, Triangel, Xylophon, Glockenspiel, Röhrenglocken, Gong u.a.
  • Nach Bedarf: Harfe, Klavier, Celesta, Orgel.
„Bremer Philharmoniker“ im Konzertsaal „Glocke“, Bremen, Foto: Matthias Haase, Foto Bischoff

Das Sinfonieorchester besteht aus einem Team von Musikern, die aufeinander eingespielt sind, in der Besetzung konstant bleiben, die eine einheitliche technische Ausrichtung haben und klanglich diszipliniert sind, um normierte Balanceverhältnisse zu schaffen. Es ist die Rede von einer intakten Orchestergemeinschaft, die die einmalige Gelegenheit bietet, gemeinsam an einem Werk künstlerisch zu wachsen und sich gemeinsam gegen berufliche und andere Unbilden des Lebens abzusichern. Ein Sinfonieorchester stellt dabei eine Welt für sich dar. Es ist eine geschlossene Gesellschaft mit Hierarchien und einer differenzierten Interaktion zwischen den Mitgliedern. Die Musiker sind ausgeprägte Individualisten und zugleich eingebunden in das Kollektiv, dem sie sich unter-, mindestens einzuordnen haben. Als Orchestermusikerinnen und Orchestermusiker stehen sie unter Gruppen-, Konkurrenz- und Leistungsdruck, der bewältigt und überwunden werden muss, um die Liebe zur Musik und Musikdarstellung nicht in Abwehr und Routine umschlagen zu lassen.

Hinzu kommt die Abhängigkeit von den Führungsqualitäten des jeweiligen Dirigenten, der nicht nur ein guter Musiker, sondern auch ein guter Psychologe sein sollte. Von der Art, wie es ihm gelingt, die Musiker zu binden und zu begeistern, hängen die Gruppenstimmung, das Werkverständnis und die Musizierfreude entscheidend ab.

Jedes Orchester ist auf ein Publikum und den Dialog mit diesem angewiesen. Als wahrnehmendes Gegenüber ist das Publikum der natürliche Resonanz- und Wirkungsraum eines jeden Sinfonieorchesters. Die möglichen Spannungen innerhalb eines Orchesters können sich sofort auf das Publikum übertragen. Die Aura, die das Publikum ausstrahlt, hat starken Einfluss auf die Motivation des Orchesters und seines Leiters. Ein „schlechtes“ Publikum sendet das Signal aus, an der Musikvorführung nicht sonderlich interessiert zu sein. Ein „gutes“ Publikum gibt dem Orchester das Gefühl, geliebt zu sein.

Ein Sinfonieorchester ist darüber hinaus eine künstlerische Institution und ein Wirtschaftsbetrieb. Als letzterer befindet er sich seit jeher in der Krise. Denn noch nie konnten Orchester ihre Ausgaben durch Einnahmen aus ihrer Konzerttätigkeit decken oder gar nennenswerten Gewinn erwirtschaften. Es bleibt daher zu hoffen, dass die künstlerische Institution Orchester nicht in Frage gestellt wird und weiterhin ihre Ausstrahlungskraft erhält. Es bleibt zu wünschen, dass in der „permanenten Krise“ und in der Diskussion um Subventionierung, Sponsoring, Management und Kosten-Leistungs-Rechnungen die Orchestermusik und die „Leistungsträger“ des Sinfonieorchesters ihre unabkömmliche Rolle im Rahmen des „Weltorchesters“ spielen. [A.L.]