
Anhand der „Digital Pasifik“-Sammlungen schuf die Autorin Stacey Kokaua gemeinsam mit ihrem Bruder, dem Audioproduzenten Hamish Kokaua, Kunstwerke, die im Rahmen des „Weaving a Narrative Workshop“ präsentiert wurden, einer Online-Seminarreihe mit Vorträgen und von Künstlern in Auftrag gegebenen Arbeiten.
In diesem Beitrag teilt Stacey ihre Überlegungen dazu, wie man sich als indigene Kreative mit Museumssammlungen auseinandersetzen kann und welche Verbindungen durch Objekte, Raum und Zeit entstehen. Sie geht näher auf die breitere Debatte über kulturelle Erneuerung und Empowerment durch Archive ein sowie auf die künstlerisch bereichernde Praxis der Zusammenarbeit mit dem eigenen Geschwisterteil.

Mit dem Video „Das Narrativ weben“, das mein Bruder
Hamish Kokaua und ich für das Übersee-Museum und Digital Pasifik produziert haben, wenden wir uns unter anderem gegen die aus dem 19. Jahrhundert stammenden Konventionen von Museen und Archiven, die Kulturgüter aus dem Pazifikraum enthielten. Für diese Arbeit durchforstete ich die Online-Sammlungen von Digital Pasifik mit unterschiedlichen Schlüsselwörtern und verfasste einen Text über diese Erfahrungen. Ein Beispiel: Welche Treffer gibt es für den Suchbegriff Cook Islands women und was erzählen sie uns über die Sammlungen und ihre Schöpfer*innen? Was darüber, wie unser Volk von Menschen außerhalb unserer Communities wahrgenommen wird?
Diese Arbeit konfrontierte mich damit, wie problematisch Sammlungen den Begriff women interpretieren können, etwa in dem komplexen Begriff va’ine Māori ō Rarotonga, eine Frau von den Cook Islands. Dass Museen und vergleichbare Institutionen historische Objekte und Informationen als ein kulturelles und/oder ethnisches „Anderes“ sammelten, ohne die Ontologie und Wertesysteme der Indigenen zu berücksichtigen, ist gut dokumentiert.

Wenn ich also die Sammlungen von Digital Pasifik nach dem Begriff Cook Islands women durchsuche, sehe ich meist Gegenstände aus den Archiven, erfahre aber kaum etwas über die Identität der Frauen. Besonders bei Fotos zeigt va’ine Māori vor allem ein Objekt, das wir anschauen können, aber kaum Informationen über Menschen mit ihrer persönlichen Geschichte, ihrer Familie und ihren Erfahrungen.
Könnte man daraus schließen, dass indigene Völker und besonders Frauen sich von diesen Sammlungen lieber fernhalten sollten? Auf keinen Fall. Im Gegenteil, unser Engagement ist unentbehrlich. Als Dozentin für Pacific Literary Studies behaupte ich, dass das problematische Framing indigener Frauen aus dem Pazifikraum sich nicht auf die Arbeit von Museen und Archivsammlungen beschränkt. Die Arbeit der verstorbenen Teresia Teaiwa und Selina Tusitala Marsh sind eindeutige Beispiele für die indigene Forschung, denn sie widersprechen der literarischen Darstellung von Frauen aus dem Pazifikraum als dusky maidens, deren Aufgabe es ist, europäischen Männern in der tropischen Umgebung das Ausleben ihrer Südseefantasien zu ermöglichen.
Bei meiner Arbeit „Das Narrativ weben“ habe ich mich sehr bewusst dafür entschieden, nicht weiter nach Cook Islands women, sondern nach einem Zweig meiner eigenen Familie zu suchen – die Marsters vom Palmerston Atoll in den Cook Islands. Nun kann ich Bilder und Objekte entdecken, die von Menschen geschaffen wurden, mit denen ich genealogisch und geographisch verbunden bin. Bei dieser Suche kann ich mich auf Bilder und Objekte konzentrieren, in denen das Talent zum Weben meiner weiblichen Vorfahren zum Ausdruck kommt. Letzten Endes spricht dieser Prozess für den Wert der Alltagsgegenstände in vielen Sammlungen – sie werden häufig als weniger wertvolle Kulturgüter angesehen, gewähren aber einen tieferen Zugang zur Subjektivität und zu den Erfahrungen der von diesen Objekten repräsentierten Menschen.

Ein besonderer Pluspunkt für Digital Pasifik ist die Möglichkeit, Kommentare zu hinterlassen. So entdeckte ich ein Interview mit einer Tante meines Vaters, und ganz unten auf der Seite hatte eine Cousine beschrieben, wie sie mit meiner Tante verwandt ist. Diese Art genealogischer Information, im Cook Islands Māori als akapapa.anga bezeichnet, wird von den Bewohnern der Cook Islands hoch geschätzt, da wir mit ihrer Hilfe die Welt verstehen und ebenso die unzähligen Arten, wie wir über Communities, Raum und Zeit miteinander verbunden sind. Die Betreiber der Sammlungen können sich so mit Menschen austauschen, die wertvolles Wissen über Kulturgüter beisteuern können. Um dieses Feedback bestmöglich zu nutzen, müssen Institutionen, deren Sammlungen sich auf imperiale Vermächtnisse stützen, sich dem Engagement und der Kritik an diesen Praktiken ebenso öffnen wie den Gefühlen von Schmerz und Verlust, die manche Objekte in den Urheber-Communities hervorrufen. Diese Auseinandersetzungen ermöglichen aber auch Bereicherung, Verständnis und letztlich eine Zukunft, in der Sammlungen in Archiven und Museen eine breitere Kommunikation über kulturelles Erbe, Belebung und Mitwirkung ermöglichen. Dank eines ernsthaften und sinnvollen Engagements für indigene Völker können wir Wege finden, wie diese Online-Sammlungen die Verbindung mit und zwischen indigenen Völkern, ihren Objekten, Zeit und Raum erleichtern.
Bei unserem Projekt „Das Narrativ weben“ konnten mein Bruder und ich zum ersten Mal zusammenarbeiten. Ende März sprechen Hamish und ich über „Das Narrativ weben“ als Bestandteil von Ozeanien Digital: Das Pazifik-Paper in der
Victoria University von Wellington in Aotearoa
schreiben. Wir sind beide sehr glücklich darüber, dass dieses spezifische Projekt zum Austausch über unser Volk und seine Kultur in Museen und Archiven ebenso wie zu digitalen Literaturen beitragen. Schon in einem frühen Stadium wurde mir klar, dass ich meine Praxis im Kreativen Schreiben erweitern musste, um es in digitale Medien zu übersetzen.
Mein Bruder ist Spezialist für Codierung und Audioproduktion, und nach meinem ersten Entwurf arbeiteten wir eng zusammen, um das Video zu produzieren, in das er sogar ein Gespräch mit unserem Vater aufnahm. Dieser kreative Prozess erleichterte die Verbindung auf ganz unterschiedliche Weise. Wenn jemand aus dem Pazifikraum sich für „Das Narrativ weben“ interessiert, können wir uns mit ihm in Verbindung setzen und uns darüber austauschen, wie, wo und warum unser Volk, unser Wissen und unsere Kulturgüter in Sammlungen aufbewahrt werden und wie wir als indigene Kreative uns mit diesen Plattformen verbinden können.
Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Thielicke
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